Andres Stehli
Laudatio von Stefan Sonderegger
Fürsichtiger, hochedler, ehrenfester, vornehmer, weiser Herr Jubilar. Lieber Andres Stehli – etwa so hätte eine Laudatio an Dich begonnen in einer Zeit, in die Du Dich mit Leidenschaft immer wieder zurückversetzt hast. Nämlich in die Geschichte unseres Dorfes im 18. und
19. Jahrhundert. Damals war Heiden auf dem Weg gewesen, Gross Heiden zu werden. Es war eine Zeit, in der Herrschaften aus aller Welt ins Appenzellerland gereist sind und hier die Molkenkuren genossen haben – oder vielleicht besser gesagt über sich haben ergehen lassen. 1838 ist das Schicksalsjahr Heidens gewesen. Das Dorf brannte nieder, ist aber innert zwei Jahren wieder auferstanden als das, was es heute ist. Als Dorf mit einer klassizistischen Architektur, die von nationaler Bedeutung ist. Hierher sind der berühmte Berliner Augenarzt Albrecht von Graefe, der Komponist Heinrich von Herzogenberg und der Rotkreuzgründer Henry Dunant gekommen.
Was aber, geschätzte Anwesende, hat das alles mit Andres Stehli zu tun, werden Sie sich fragen. Viel! Denn Andres Stehli kennt die Geschichte Heidens wie kaum ein anderer. Und wie kein anderer hat er sich für die Vermittlung unserer Geschichte eingesetzt. Er kennt die Perlen unserer Kultur, und er weiss, dass man diese anpreisen kann, ja anpreisen muss. Das ist seine Erfahrung als ehemaliger Hotelier.
1946, im Alter von zwei Jahren ist Andres Stehli von Zürich nach Heiden gekommen. Grund war der kurzfristige Entscheid seiner Eltern, die Pension Nord zu übernehmen. Etwas Zürcherisches hört man in Deinem Dialekt immer noch, aber Dein Charakter ist alles andere als zürcherisch «grosskopfet», nein, im Gegenteil bescheiden, zuvorkommend und absolut hilfsbereit.
Mit 18 hast Du das erstes Ämtli übernommen und bist, wie Du mir gesagt hast, riesig stolz gewesen: Du bist damals Vorstand des Feuerwehrvereins Heiden geworden. Niederschmetternd ist hingegen die Reaktion der Mutter am ersten Morgen nach der Wahl gewesen: Ihr Kommentar bestand aus «Ach Gott!».
Dein Beruf ist Berufung gewesen, nach der Kanti Trogen hast Du die Hotelfachschule Luzern und Ausbildungsjahre unter anderem im Baur au Lac Zürich und Carlton St. Moritz absolviert.
Früh schon bist Du in die Pension Nord eingestiegen und hast nach dem Tod der Eltern die Leitung zusammen mit deiner Frau Anne übernommen. Euer Credo war Gäste-Erbauung und -Unterhaltung, aber auch Sonderwochen mit Weiterbildungs- und Kulturevent-Charakter. Und das hat sich auf Dein Kultur-Engagement ausgewirkt, unter anderem im Kurverein, im Historisch-Antiquarischen Verein mit dem Historischen Museum und in der Herzogenberg-Renaissance.
Eure Pension Nord ist schon bald ein weit über Heiden hinaus strahlender Ort der Kulturvermittlung geworden. Zuerst sind es «Hauskonzerte in der Pension Nord», dann Vorträge von bekannten Persönlichkeiten, Reiseberichte, Cabaret, Theater, Podiumsgespräche, Orchesterkonzerte usw. gewesen. Ihr habt viel Erfolg mit vollen Vortragssälen gehabt. Die Anlässe sind aus Raummangel in den Kursaal oder in die beiden Kirchen verlegt worden. Das „Kulturprogramm der Pension Nord“ ist zur Institution geworden, später ist daraus das „Kulturpodium Heiden“ entstanden.
Neben diesem lokalen Andres Stehli gibt es aber ebenso den internationalen Andres Stehli. Ab Mitte der 1980er-Jahre hat das Kulturpodium Heiden auch organsierte Studien- und Musikreisen angeboten. Bis Ende 2019 sind das insgesamt 64 Reisen in drei Kontinenten gewesen. Ich war zwar nie dabei, habe aber immer wieder gehört, dass man auf den Reisen extrem viel erlebt und gesehen hat. Jede Minute war ausgenutzt, quasi ein hardcore Kulturprogramm.
Ein besonderes Anliegen ist Dir der Einsatz für die Vermittlung des Werks von Dunant gewesen. Der Verein vom Roten Kreuz Heiden wird Mitte der 1990er-Jahre umgewandelt in den Verein Henry-Dunant-Museum. Der Dunant-affine Stehli kommt natürlich in den Vorstand. Das grosse Ziel wird konsequent verfolgt: Nämlich ein Dunant-Museum in Heiden, das 1998 eingeweiht werden kann.
Es gibt in Ausserrhoden nicht mehr viele Hoteliers, die wissen, dass Kultur und Tourismus zusammen gehören. Da muss man schon nach Innerrhoden schielen, oder eben Andres Stehlis Erfahrung anzapfen.
Du Andres bist in den 1980er Jahren in den Vorstand des Kur- und Verkehrsverein gewählt worden und 1987 hast Du das Präsidium übernommen. Deine Priorität im Startjahr war: volksnaher werden. Das hat geklappt, die Mitglieder stiegen von 70 auf 340. Eine örtliche Hotelier-Vereinigung wird gegründet, es werden gemeinsame Gästeanlässe durchgeführt. Die Logiernächte haben darauf hin erfreulich zugenommen.
Wir zwei kennen uns aus der gemeinsamen Arbeit im Historisch-Antiquarischer Verein Heiden und Museum Heiden. Da hast Du Dich zusammen mit Ruedi Rohner für die Neugestaltung des Museums eingesetzt. Die Neueröffnung war 1988. Und selbstverständlich kam mit Dir im Vorstand Drive in das Museum. Ohne Dich hätten wir nie die vielen, jährlichen Sonderausstellungen, Sonderanlässe, Filmvorführungen und Exkursionen machen können. 2019 war Dein letztes Wirkungsjahr im Museum. Als Finale hast Du eine achtteilige Vortragsreihe über örtliche oder regionale historische Themen organsiert. Und das Ziel wurde mehr als erreicht pro Vortrag über 60 Personen.
Man könnte noch Vieles aufzählen. Dafür reicht die Zeit heute nicht. Ich habe Dich gebeten, mir einige Notizen zukommen zu lassen, die enden so:
«Leitfaden durch alle aufgeführte Tätigkeit. Der Beruf des Hoteliers hat geprägt: Für den Gast in seinen Ferien da zu sein, ihm zu dienen, es ihm angenehm und erholsam zu bereiten, ihm die Möglichkeit zum Auftanken, Weiterbilden und für Erlebnisferien zu bieten. Weil sich das erfreulich entwickelte, wurde das Angebot bald auch auf die einheimische und regionale Bevölkerung ausgedehnt. Ein grosser Vorteil war dabei: Die Presse unterstützte alle erwähnten Bestrebungen über Jahrzehnte und trug, zusammen mit den Mitarbeitern der Pension Nord und mit allen Kollegen in den erwähnten Vorständen − vor allem aber dank der Unterstützung von Anne Stehli − entscheidend zum guten Gelingen bei.»
Lieber Andres, schöner kann man Deine kollegiale, auf das Gemeinwohl ausgerichtet Wirkung nicht zusammenfassen. Von ganzem Herzen nochmals Dank für all das was Du für Heiden getan hast!